Bundeskanzler Olaf Scholz (vorne rechts) trägt bei seinem Besuch im Hochwassergebiet in Sangerhausen Gummistiefel. Foto: Jan Woitas/dpaBundeskanzler Olaf Scholz (vorne rechts) trägt bei seinem Besuch im Hochwassergebiet in Sangerhausen Gummistiefel. Foto: Jan Woitas/dpa

Sangerhausen (dpa) – Olaf Scholz trägt Gummistiefel. Als der Kanzler zum zweiten Hochwasser-Besuch kommt, könnte sein Schuhwerk Zeichen für die in den vergangenen Tagen noch schlimmer gewordene Situation sein – in Verden an der Aller bei Bremen war er an Silvester noch ohne Stiefel unterwegs. Scholz hat für das Stiefel-Thema wenig übrig und will sich dazu nicht äußern, als er sich am Donnerstag mit ernstem Blick einen Überblick über die Lage an der Helme in der Ortschaft Oberröblingen in Sachsen-Anhalt verschafft.

Als der Kanzler, aus Berlin mit dem Hubschrauber kommend, in Sangerhausen landet, ist es trüb und regnerisch – so wie oft in den vergangenen Tagen. Der kleine Fluss Helme, sonst nur etwa zwei Meter breit, ist um ein Vielfaches über die Ufer getreten.

Scholz, Lemke und Haseloff hören zu und stellen Fragen

Scholz, Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) und Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) lassen sich einen zu brechen drohenden Deich zeigen – und hören vor allem zu und stellen Fragen. Sie wollen zum Beispiel wissen, ob genügend Sandsäcke vorrätig seien.

Diese Frage treibt die Menschen auch in anderen Regionen Deutschlands um, die schon seit fast zwei Wochen mit Hochwasser zu kämpfen haben. In Niedersachsen sorgt der Dauerregen der vergangenen Tage insbesondere in den Einzugsgebieten der Flüsse Hunte bei Bremen und Hase im Emsland für einen Wiederanstieg der Wasserstände. Mancherorts können Anwohner noch immer nicht zurück in ihre Häuser.

In Bayern hat sich vor allem die Lage im Norden, in fränkischen Regionen sowie in Teilen der Oberpfalz, weiter zugespitzt. Auch einige Flüsse in Rheinland-Pfalz sind deutlich voller. In Nordrhein-Westfalen berichtete ein Sprecher des Umweltministeriums von Regenmengen von teilweise bis zu 35 Litern pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden. Die landesweit wieder gestiegenen Pegelstände hätten bisher aber nicht die Dimension des Weihnachtshochwassers erreicht.

In anderen Ländern Deutschlands hat sich zumindest die Lage nicht weiter verschärft: zum Beispiel in Hessen, wo nach wie vor die Flüsse Fulda, Lahn, Eder und Kinzig und deren Zuflüsse betroffen sind. Im Saarland haben die Pegelstände der Flüsse Prims, Oberer Blies und Nied ihre Scheitelpunkte erreicht und sinken.

Unfreundliche Begrüßung

Zehntausende Helfer und Helferinnen sind bundesweit im Einsatz. Kanzler Scholz spricht bei seinem Besuch in Sachsen-Anhalt mit einigen. Die rund 1600 Einwohner sind seit Weihnachten in Alarmstimmung. «Was wir brauchen, ist eine bessere Koordination. Hier weiß keiner, was der andere macht», sagt ein Anwohner. Den Unmut bekommt Scholz direkt nach seiner Ankunft zu spüren. Rufe wie «Geh gleich wieder zurück» sind zu hören. Es kommen aber auch Dankesworte, vor allem von den professionellen Helfern.

Der Kanzler zeigt sich vor Ort beeindruckt von der Solidarität. «Dieser Geist der Solidarität wird auch hinterher gelten, und wir werden niemanden alleine lassen», sagt Scholz, der inzwischen wieder Schnürschuhe trägt. Er sagt Unterstützung auch bei der späteren Beseitigung der Schäden zu. «Klar ist, das wird nur gemeinsam gehen, und das muss auch solidarisch in Deutschland erfolgen.»

Lemke gibt vor Ort zu bedenken: Man müsse sich mittel- und langfristig zwischen Gemeinden, Ländern und Bund darüber verständigen, wie man sich besser auf solche Ereignisse vorbereite. «Das Wasser braucht Platz, das ist hier hautnah zu sehen», sagt sie. Es werde auch darum gehen, «wie geholfen werden kann, wo geholfen werden muss, finanziell, aber auch anderweitig».

Böden nass wie ein Schwamm

Die Eindrücke, die Scholz vor Ort im Süden Sachsen-Anhalts sammelt, sind gewaltig: Überschwemmte Wiesen und eine deutlich breitere Helme, über die die Entwässerung aus dem Südharz läuft. Die Böden sind nass wie ein Schwamm. Am Stausee Kelbra steht der Campingplatz unter Wasser. Die Menschen in der Region haben in den vergangenen Jahren immer wieder Erfahrungen mit Hochwasserlagen gemacht – doch so schlimm und dauerhaft wie diesmal sei es lange nicht gewesen, sagt Landrat André Schröder. Ab Montag kommt die Bundeswehr zum Einsatz.

In Niedersachsen ist nach Einschätzung des dortigen Bauernverbands fast jeder Landwirt derzeit von Überflutungen seiner Felder beziehungsweise von Nässeschäden betroffen. «Es sind mehrere Hunderttausend Hektar Acker und Grünland überschwemmt», sagt Landvolk-Präsident Holger Hennies der Deutschen Presse-Agentur. Auch Hunderte Hofstellen seien von Überschwemmungen betroffen, «glücklicherweise aber nur sehr wenige Betriebe so stark, dass auch Ställe betroffen sind und Vieh evakuiert werden musste».

Weiden und Wiesen, mit Getreide oder Raps eingesätes Ackerland sowie Flächen mit Zuckerrüben oder Kartoffeln – bei vielen Flächen fürchten die Bäuerinnen und Bauern einen Totalausfall der Ernte. Zudem sei die Bewirtschaftung durch den Dauerregen massiv erschwert, erläutert der Pflanzenexperte des niedersächsischen Bauernverbandes, Karl-Friedrich Meyer. Wintergetreide, also Pflanzen, die im Herbst gesät wurden, «ersticken» Meyer zufolge, wenn Flächen etwa zehn Tage unter Wasser sind. Auch beim Sommergetreide müsse mit etwa 20 Prozent weniger Ertrag gerechnet werden.

Regen geht in Schnee über

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat vor Dauerregen gewarnt. Nun soll es kälter werden. «Die Niederschläge lassen in den geplagten Hochwassergebieten immer mehr nach und gehen in Schnee über», kündigte der DWD am Donnerstag an. Der Winter kehrt zurück, es wird zunehmend kälter und eisig. Welche Auswirkungen die Minustemperaturen auf die überfluteten Gebiete haben, blieb zunächst unklar.

Quellen: Mit Material der dpa.

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