Berlin (dpa) – Nachrichten über das Coronavirus stehen schon lange nicht mehr täglich auf den Titelblättern der Zeitungen. Masken werden nur von wenigen noch in der Öffentlichkeit getragen, die Zahl neuer Impfungen scheint weitestgehend zu stagnieren. Nach mehr als drei Jahren Pandemie ist bei vielen die Sehnsucht nach einem Schlussstrich groß. Doch eine abschließende Aufarbeitung gab es bisher nicht.

In diese Bilanz-Leerstelle stoßen Querdenker und Impfgegner. Glaubt man ihrer Argumentation, dann wollen sie es etwa in Sachen Masken oder Impfungen schon immer richtig gewusst haben. Die am häufigsten gestreute Erzählung: Mit den Corona-Impfungen sei allen ein unberechenbares Medikament aufgezwungen worden. Sie selbst hätten hingegen schon immer gesagt, die Mittel – oft von ihnen als «Giftspritze» oder «Genspritze» bezeichnet – seien gefährlich bis tödlich. Sie behaupten: Was einst als Verschwörungsmythos gebrandmarkt worden sei, werde mittlerweile als Fakt anerkannt.

«Obwohl damals noch gar keine Daten vorlagen, hat sich dieses Milieu von Anfang an darauf eingeschossen, dass die Impfung des Teufels sei», sagt die Psychologin Lea Frühwirth vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas). Das Institut untersucht Radikalisierungstendenzen und Verschwörungserzählungen im Netz.

Dieses Bild, auf das sich die Anhänger noch jetzt beziehen, sei aber nicht aufgrund von Fachkenntnis und der Prüfung von Fakten entstanden, so Frühwirth. Sondern rein aus einem Bauchgefühl. «Wenn nun zufällig ein Ergebnis herauskommt, von dem sie zwei Jahre zuvor ausgegangen sind, dann ist das der Fall eines blinden Huhns, das auch mal ein Korn findet», sagt die Cemas-Wissenschaftlerin.

Anlässlich des International Fact-Checking Days hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) drei weit verbreitete Thesen aus dem Querdenken- und Impfgegner-Umfeld unter die Lupe genommen:

1. Behauptung: Überall habe es geheißen, die Corona-Impfung habe keine Nebenwirkungen. Das Gegenteil zeige sich nun an vielen Impfschäden.

Bewertung: Ungenau.

Fakten: Ja, es gab vereinzelt Stimmen wie die des damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und späteren Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach, die von «nebenwirkungsfreien Impfungen» sprachen.

Doch Forscherinnen und Wissenschaftler haben grundsätzlich von Anfang an deutlich gemacht, dass es keine Mittel ohne Nebenwirkungen gibt. Auch liegt deren Wirksamkeit nicht bei 100 Prozent. Das ist zum Beispiel bei Grippe-Impfungen so – und eben auch bei Covid-Impfungen.

Der damalige Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, etwa sagte mehrere Wochen, bevor überhaupt der erste Piks gesetzt wurde: Nicht nur die Schutzwirkung der Impfung sei zu beobachten, sondern auch mögliche Nebenwirkungen.

Diese werden nicht etwa unter den Teppich gekehrt, sondern von Anfang an vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) registriert und ausgewertet. Im jüngsten PEI-Bericht für den Zeitraum bis Ende Oktober 2022 ist von knapp 51.000 Verdachtsfällen auf schwere Nebenwirkungen nach einer der rund 188 Millionen Impfungen die Rede. Wichtig dabei ist aber: Verdachtsfälle sind keine nachgewiesenen Nebenwirkungen – und schon gar keine Impfschäden. Impfreaktionen stünden «oftmals im zeitlichen, nicht aber unbedingt im ursächlichen Zusammenhang mit einer Impfung», so das PEI.

Nach Recherchen der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sind bis Mitte März in 13 der 16 Bundesländer 6600 Anträge auf Versorgungsleistungen nach einem Corona-Impfschaden eingegangen. Davon anerkannt wurden demnach 284. Zu diesem Zeitpunkt hatten in diesen 13 Ländern knapp 62 Millionen Menschen mindestens eine Covid-Impfung erhalten.

Berichte über schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach einer Impfung sind durchaus wichtig, um die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen. Dabei darf aber nicht übersehen werden, wie selten solche Einzelfälle tatsächlich sind und wie sehr eine Impfung vor möglichen schweren Schäden nach einer Covid-Erkrankung schützt. «Unter dem Strich bleibt das sehr gute Nutzen-Risiko-Verhältnis zugunsten der Impfung bestehen», erklärte etwa der Direktor der Klinik für Infektiologie der Berliner Charité, Leif Erik Sander, jüngst auf Twitter.

2. Behauptung: Eine Studie des renommierten Forschungsnetzwerks Cochrane beweist, dass Masken nicht gegen Corona schützen.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Dies sei eine falsche und irreführende Interpretation der Überblicksstudie, schreibt Cochrane sogar selbst Mitte März. Richtig ist, dass die Studienmacher diverse wissenschaftliche Analysen zur Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen betrachtet haben: Neben Quarantäne und Händewaschen war das auch das allgemeine Maskentragen in der Bevölkerung – aber eben nicht das individuelle Maskentragen, wenn man etwa einer covid-infizierten Person gegenübersteht.

Für dieses Szenario kommt schon Ende 2021 eine Studie des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation zu dem Schluss, dass Masken das Corona-Risiko erheblich senken können: Tragen eine infizierte und eine nicht-infizierte Person gut sitzende FFP2-Masken, beträgt das maximale Ansteckungsrisiko nach 20 Minuten demnach selbst auf kürzeste Distanz in einem Raum kaum mehr als ein Promille.

3. Behauptung: Die Impfung hat noch nie etwas genützt – auch nicht gegen schwere Covid-Verläufe.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Es stimmt, dass sich auch Geimpfte mit dem Coronavirus infizieren, im Krankenhaus landen oder gar an Covid-19 sterben können. In der Zeit nach der letzten Impfung lässt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Schutzwirkung nach.

Das RKI schreibt Anfang März: Mehrere Monate nach einer Impfung könne eine Infektion oder milde Verlaufsform von Covid-19 «inzwischen nur noch in geringem Maße» verhindert werden. Doch nach Auswertung der Corona-Fälle unter Einbeziehung des Impfstatus um den Jahreswechsel 2022/2023 sei festzustellen, «dass der kleine Anteil der ungeimpften Bevölkerung einen verhältnismäßig großen Teil der Covid-19-Fälle mit schwerem Verlauf stellt». Wochenlang machten in der Vergangenheit Ungeimpfte die Mehrheit der Covid-Fälle auf Intensivstationen aus.

Konkret schreibt das RKI in einem Papier von Mitte Januar: Die Wirksamkeit der Grundimmunisierung (zwei Impfungen) gegen einen Krankenhausaufenthalt wegen Covid-19 liege im Schnitt bei gut 55 Prozent, nach einer dritten Dosis bei mehr als 81 Prozent und nach insgesamt vier Impfungen bei knapp 96 Prozent. Das gelte auch für die aktuell kursierende Omikron-Variante.

Warum klammern sich Querdenker an ihre Erzählung?

Seinerzeit musste die Politik immer wieder Entscheidungen treffen, als wissenschaftliche Daten und Erfahrungen zum Coronavirus noch knapp waren – der Zeitdruck aber extrem hoch war. Im Rückblick ist immer zu fragen: Gab es damals schon die Informationen, die heute vorliegen? Würden sie dazu führen, dass jetzt anders entschieden würde? Vom April 2020 in Erinnerung geblieben ist etwa die Aussage des früheren Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), dass man einander in ein paar Monaten wahrscheinlich viel werde verzeihen müssen.

Die Querdenken-Szene hat hingegen früh darauf gepocht, exklusiver Träger der Wahrheit zu sein. Diejenigen, die wissenschaftliche Hinweise als elementar betrachteten, waren für sie «Schlafschafe». Im Querdenken-Milieu hat sich eine Gruppenideologie mit sozialen Bindungen aufgebaut. In dieser Blase bekamen Anhänger ihre Bestätigung. Alte Freundschaften gingen womöglich in die Brüche.

Die Fallhöhe sei enorm hoch

«Die Fallhöhe, nun doch zugeben zu müssen, sich geirrt zu haben, ist enorm hoch», sagt Cemas-Expertin Frühwirth im dpa-Gespräch. Auch habe die Gesellschaft diese Menschen als «Covidioten» verlacht, was ein Umkehren zusätzlich erschwere. Wie solle man da gesichtswahrend herauskommen? «Also halten sie an ihrem Bild fest und schreiben notfalls alles um, damit sie am Ende doch irgendwie recht hatten.»

Das Festhalten an der Desinformation über Impfungen hält das Protestpotenzial in der Szene künstlich aufrecht. «Man darf nicht unterschätzen, wie wirkmächtig allein die Wiederholung dieser Narrative ist und wie emotional anschlussfähig», sagt Frühwirth.

Dabei werden auch Misstrauen und Aggression geschürt – gegen Politik, Medien und Wissenschaft. Wut paart sich dann mit dem Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber einer angeblichen Verschwörung. Mit der Erzählung, die Regierung wolle einen zu Tode spritzen, schaffe man eine Legitimation dafür, sich zu wehren. Darin liegt Frühwirth zufolge Gewaltpotenzial: «Ich würde das auf jeden Fall als gefährlich beurteilen, insbesondere auch, weil wir es lange einfach nicht ernst genommen haben.»

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