Washington (dpa) – Zum zweiten Mal binnen einer Woche haben Tornados den USA Tod und Zerstörung gebracht. Mindestens 26 Menschen seien infolge heftiger Wirbelstürme ums Leben gekommen, meldeten örtliche Medien am Wochenende unter Berufung auf Polizei und Rettungsdienste. Zudem habe es Dutzende Verletzte gegeben.

Wegen Sturmschäden waren am Sonntag noch rund 100 000 Haushalte und Firmen ohne Strom, wie aus Daten der Seite «poweroutage.us» hervorging. Medien sprachen von einem seltenen «Monster-Sturmsystem», das sich vom Süden der USA bis in die Region der Großen Seen im Norden erstreckte.

Der Sturm kam wie aus dem Nichts

«So etwas habe ich noch nie gesehen», berichtete Melissa Keller aus dem Bundesstaat Tennessee, wo nach Angaben der Polizei neun Menschen in zerstörten Häusern zu Tode kamen. Es habe sich angehört wie ein Zug, der plötzlich durch die Ortschaft raste, erzählte sie der Zeitung «The Tennessean». Auch andere Augenzeugen berichteten, es sei kurz davor total ruhig gewesen, dann auf einmal ohrenbetäubend laut.

Sie habe im Badezimmer Schutz gesucht, erzählte Keller weiter. Ihr Haus blieb weitgehend verschont. «Doch das Gebäude dort hat der Sturm um 15 Fuß (rund 4,5 Meter) verschoben.» Auf Bildern und Videos waren vor ihrer Tür und auch anderswo in den betroffenen Gegenden Berge von Trümmern, abgedeckte Häuser und umgeknickte Bäume zu sehen. Auf dem Dach liegende Autos zeugten von der Gewalt des Sturms.

Fünf weitere Todesopfer wurden aus Arkansas und vier aus Illinois gemeldet. Auch in Indiana, Mississippi, Alabama und Delaware kamen Menschen bei den Unwettern ums Leben, wie es weiter hieß. Insgesamt wurden laut dem Wetterdienst in sieben Bundesstaaten vor allem im Süden und im Mittleren Westen des Landes mehr als 50 Wirbelstürme gezählt, die als Tornados eingestuft werden könnten. Die endgültige Einstufung folgt erst in einigen Tagen.

In der Kleinstadt Belvidere im Bundesstaat Illinois stürzte am Freitagabend während eines Heavy-Metal-Konzerts das Dach eines Veranstaltungsgebäudes teilweise ein. Mindestens ein Mensch wurde laut Feuerwehr getötet, 28 weitere wurden verletzt. Zum Zeitpunkt des Einsturzes habe ein Sturm mit Böen von bis zu 145 Stundenkilometern gewütet. Etwa 260 Menschen seien in der ausverkauften Halle gewesen.

«Es passierte in etwa fünf Sekunden»

Stunden zuvor hatte ein Tornado die Stadt Little Rock und Umgebung in Arkansas getroffen. «Ich bin dankbar, am Leben zu sein», sagte ein Mitarbeiter eines Supermarktes dem Sender KATV angesichts der Verwüstung. «Es passierte in etwa fünf Sekunden. Es kam und machte bumm. Ich ging nach draußen, es war verrückt. Menschen hatten überall Blut im Gesicht.»

Vier Todesopfer wurden aus der rund 150 Kilometer entfernten Ortschaft Wynne gemeldet, wo einige Häuser dem Boden gleichgemacht wurden. «Die Stadt wurde durch die Schäden von Ost nach West praktisch in zwei Hälften geteilt», sagte Bürgermeisterin Jennifer Hobbs dem Sender CNN. Arkansas‘ Gouverneurin Sarah Huckabee Sanders mobilisierte 100 Angehörige der Nationalgarde, um bei Rettungs- und Aufräumarbeiten zu helfen.

US-Präsident Joe Biden setzte Hilfe der Bundesregierung in Gang und sprach am Wochenende mit Sanders, den Bürgermeistern von Little Rock und Wynne sowie der Katastrophenschutzbehörde Fema. «Während wir noch dabei sind, das ganze Ausmaß der Schäden zu bewerten, wissen wir, dass Familien in ganz Amerika den Verlust von Angehörigen betrauern, verzweifelt auf Nachrichten von anderen warten, die um ihr Leben kämpfen, und sich durch die Trümmer ihrer Häuser und Geschäfte wühlen», erklärte Biden. Nichts könne den Schmerz jener lindern, die einen Angehörigenverloren hätten, doch die Bundesregierung werde den betroffenen Gemeinden beim Wiederaufbau zur Seite stehen.

Naturkatastrophen als Folgen des Klimawandels

Erst vor einer Woche waren bei einem Tornado mindestens 26 Menschen in den Bundesstaaten Mississippi und Alabama ums Leben gekommen. Experten führen die Häufung von Naturkatastrophen in den USA – Stürme, Überflutungen und Waldbrände – auch auf die Folgen des Klimawandels zurück. Ein Ende der Stürme ist indes nicht in Sicht: Angesichts trockener Bedingungen im Westen und heißen sowie feuchten Bedingungen im Osten sei von Dienstag an erneut mit gefährlichen Unwettern zu rechnen, sagte Wetterexperte Victor Gensini von der Northern Illinois University der Zeitung «USA Today».

Am Freitag hatten Biden und seine Frau Jill den kleinen Ort Rolling Fork in Mississippi besucht, der besonders hart von dem Sturm getroffen worden war. Die Bidens machten sich dort ein Bild von der Zerstörung in der 2000-Einwohner-Gemeinde und trafen unter anderem den Bürgermeister der Stadt und betroffene Anwohner. «Sie sind nicht alleine», sagte Biden inmitten von Trümmern zerstörter Häuser und entwurzelter Bäume. «Das amerikanische Volk wird Ihnen beistehen. Es wird Ihnen helfen, hier durchzukommen – und ich auch.»

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