Freiburg (dpa) – Der Freiburger Bericht über sexuellen Missbrauch durch Geistliche hat Abgründe des Machtsystems Kirche offengelegt und gnadenlos mit der Ära des damaligen Erzbischofs Robert Zollitsch (84) abgerechnet. Dessen Amtszeit bis 2013 war durch «konkretes Vertuschungsverhalten» geprägt, wie es in dem in Freiburg vorgelegten Report heißt. Die Autoren der unabhängigen Studie bewerteten am Dienstag auch das Verhalten von Zollitsch‘ verstorbenen Amtsvorgänger Oskar Saier äußerst kritisch. In der Amtszeit des amtierenden Erzbischofs Stephan Burger seien hingegen keine Verfehlungen aufgefallen.

«Das sticht heraus», sagte der Freiburger Theologe und Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Magnus Striet, insbesondere mit Blick auf Vorwürfe gegen Zollitsch. Der hohe Geistliche war von Februar 2008 bis März 2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und damit Gesicht und Stimme der katholischen Kirche gewesen.

Als Erzbischof habe Zollitsch alles unterlassen, was kirchenrechtlich vorgeschrieben gewesen wäre, sagte einer der Autoren der Studie, Eugen Endress. Auf eigentlich verpflichtende Meldungen von Missbrauchsfällen nach Rom habe Zollitsch komplett verzichtet. «Nichts ist passiert, alles lief so wie immer.» Der pensionierte Richter sprach von einem eindeutigen Rechtsbruch.

Schwerwiegende Fehler eingeräumt

Zollitsch hatte bereits im Oktober in einem Video schwerwiegende Fehler und persönliche Schuld eingeräumt. «Er lag mit dieser Selbsteinschätzung richtig», kommentierte dies Endress mit einem Anflug von Ironie. Vor der Pressekonferenz hatte Zollitsch über einen Sprecher angekündigt, sich nicht zu dem Abschlussbericht äußern zu wollen.

Zollitsch führte das Erzbistum Freiburg von 2003 bis 2013. Von 1983 an war er zwei Jahrzehnte lang Personalreferent im Erzbischöflichen Ordinariat gewesen. Mit rund 1,8 Millionen Katholiken gehört das Erzbistum zu den größten der 27 Diözesen in Deutschland.

Schon während seiner Zeit als Personalreferent des damaligen Erzbischofs Saier habe Zollitsch entscheidend dazu beigetragen, Verdachtsfälle von Missbrauch durch Geistliche zu vertuschen, lautete ein Vorwurf. Saier habe gegenüber dem Missbrauchsthema eine «bewusste Ignoranz an den Tag gelegt», die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft verweigert und den Umgang mit dieser Thematik faktisch Zollitsch überlassen. Dieser habe Missbrauchsfälle vertuscht und auch darauf geachtet, dass Akten möglichst sicher aufbewahrt und möglichst auch für Anklagebehörden nicht zugänglich gemacht wurden, berichtete Endress. Saier amtierte von 1978 bis 2002.

Spuren verwischt

Des Missbrauchs beschuldigte Priester seien versetzt worden, ohne dass Begründungen für diese Versetzungen irgendwo auftauchten oder gar aktenkundig wurden. «Das war dann halt einfach so», sagte Endress. Hinweise auf Taten oder mutmaßliche Täter seien, wenn überhaupt, vor allem in Protokollen von Ordinariatssitzungen zu finden – diese aber bis einschließlich 1992 samt und sonders nicht mehr auffindbar gewesen.

Dokumente, Protokolle, Personalakten seien vernichtet und damit der Weg von Opfern, doch noch zu ihrem Recht zu kommen, erschwert worden, teilte der Betroffenenbeirat in einer Stellungnahme mit. Der Bericht dokumentiere, dass missbrauchte Kinder und verletzte Kinderseelen über Jahrzehnte gleichgültig waren. «Wichtiger waren der Kirche ihr Image und damit der Schutz von Menschen, die grausamste Taten an Kindern und Jugendlichen begangen haben.» Das unabhängige Gremium soll Betroffene unterstützen. Es ist nach eigenen Angaben unzufrieden mit den sogenannten Anerkennungsleistungen, denn die Beträge seien nicht hoch genug. Eine von der katholischen Kirche in Deutschland eingerichtete Kommission bewilligte laut Angaben vom Februar bisher bundesweit mehr als 40 Millionen Euro.

Welche Konsequenzen sind zu erwarten?

Burger räumte bei der Pressekonferenz auch eigene Versäumnisse ein. «Dass ich Fehler begangen habe, steht für mich außer Frage», sagte der 60-Jährige. Er bitte die Betroffenen um Verzeihung.» Burger war von September 2007 bis Juni 2014 Offizial – also Kirchengerichtsleiter – der Erzdiözese Freiburg. Über mögliche kirchenrechtliche Konsequenzen für Zollitsch müsse nun der Heilige Stuhl im Rom entscheiden. «Die notwendigen Maßnahmen dazu sind eingeleitet», sagte Burger. Es gehe dabei um ein Verfahren, um Verdachtsfälle von Vertuschung zu melden.

Kommissionsleiter Striet sagte auf die Frage zum rechtlichen Status des knapp 600 Seiten starken Abschlussberichts: «Das müssen die Gerichte entscheiden.» Nach Auskunft des Verwaltungschefs der Erzdiözese, Christoph Neubrand, sind bisher keine Klagen bekannt. Im Erzbistum wird von über 540 Betroffenen ausgegangen, sagte Striet. Es gebe zudem über 250 beschuldigte Kleriker.

Die sogenannte AG Aktenanalyse mit vier externen Fachleuten aus Justiz und Kriminalpolizei arbeitete seit 2019. Ähnliche Studien gab es auch schon in anderen Bistümern, etwa in Köln und München. In Rottenburg-Stuttgart berief Bischof Gebhard Fürst im Unterschied zu anderen Diözesen schon vor gut 20 Jahren eine unabhängige «Kommission sexueller Missbrauch» ein.

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