Bachmut (dpa) – Der Chef der Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, schlägt Alarm: Seinen Einheiten, die seit Monaten Bachmut belagern, die Stadt in der Zeit faktisch dem Boden gleichgemachen und eigenen Angaben nach rund 95 Prozent des Stadtgebiets unter ihre Kontrolle gebracht haben, drohe die Einkesselung, warnte er.

«Die Situation an den Flanken entwickelt sich nach dem schlechtesten aller prognostizierten Szenarien.» Das monatelang in harten Kämpfen eingenommene Gelände sei innerhalb eines Tages praktisch kampflos von den regulären Einheiten aufgegeben worden, die die Flanken halten sollten, klagte er.

Die Probleme der russischen Angreifer

Zugleich halte der Munitionsmangel seiner Einheiten an, «weil die Versprechungen des Verteidigungsministeriums nicht erfüllt wurden». Er lud Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu nach Bachmut ein, damit dieser sich persönlich ein Bild von der Bedrohungslage mache. Nun sind die Animositäten zwischen Prigoschin und Schoigu bekannt. Das Kompetenzgerangel lähmt die russischen Streitkräfte seit Monaten – und doch ging es in Bachmut bislang langsam aber stetig vorwärts. Warum also die Aufregung?

Das Problem der russischen Angreifer besteht darin, dass sie monatelang frontal gut befestigte Verteidigungsanlagen gestürmt und dabei hohe Verluste auf eigener Seite in Kauf genommen haben. Prigoschins Sturmtrupps bestehen zum Teil aus russischen Strafgefangenen, die oft rücksichtslos geopfert wurden. Dass Prigoschin reguläre Einheiten an seinen Flanken braucht, liegt auch daran, dass ihm die eigenen Männer ausgehen. Doch diese Einheiten sind zumeist schlechter ausgestattet als die Söldner selbst – und daher weniger kampffähig.

Anzeichen einer Gegenoffensive

Die Verluste der Ukrainer bei der Verteidigung waren zwar ebenfalls hoch, aber nicht so gravierend wie die der Angreifer. Im Hinterland konnte Kiew derweil Angriffsverbände zusammenstellen, mit modernen Waffen aus Nato-Ländern ausstatten und trainieren. Diese stehen jetzt größtenteils bereit zur lang erwarteten Gegenoffensive der Ukrainer.

Und diese dürfte nach Einschätzung des Militärökonomen Marcus Keupp schon begonnen haben – freilich noch nicht auf breiter Front, sondern mit der nötigen Vorbereitung. In den vergangenen Wochen wurden gezielt Infrastrukturobjekte im Hinterland – sei es in Südrussland oder den von Russland besetzten Gebieten mit Drohnen unter Beschuss genommen. Lodernde Tanklager auf der seit 2014 annektierten Krim oder der gegenüberliegenden russischen Region Krasnodar zeugen von Erfolgen dieser Taktik.

Die leichten Geländegewinne bei Bachmut demonstrieren, dass die Offensive in die nächste Phase eintritt: die Aufklärung durch Kampf. Mithilfe von Angriffen versucht das ukrainische Militär die Schwachstellen der russischen Linien zu ertasten. Natürlich verfügt Kiew über moderne Satellitenaufnahmen, doch die wirkliche Stärke des Gegners lässt sich mitunter nur im Gefecht feststellen.

Und der Gegner zeigt aus Sicht der Ukrainer an den Flanken Bachmuts Schwäche. Von einer Einkesselung, vor der der russische Kriegsreporter Jewgeni Poddubny alarmistisch warnte, sind die russischen Einheiten in der Region noch weit entfernt. Aber Moskau muss sich entscheiden, ob es die Truppen dort auf Kosten anderer Frontabschnitte verstärkt, oder das Risiko eingeht, dort durch einen kräftigen Schlag in Bedrängnis zu geraten. Es wäre vor allem symbolisch eine schwere Niederlage, nachdem die Fast-Eroberung Bachmuts das einzige Ergebnis der russischen Winterkampagne war.

Die schwierige Entscheidung für Moskau

In jedem Fall ist es eine unangenehme Wahl für Moskau, denn Kiew hat noch nicht mit voller Kraft angegriffen. Für die Ukraine ist es laut Militärexperten leichter, ihre Truppen von einer Front zur anderen zu verschieben, da die Wege kürzer sind. Die russischen Angreifer müssen lange Umwege gehen und können die Einheiten, die im Süden der Ukraine stationiert sind, nur über die Krim versorgen – ein logistischer Flaschenhals. Umso wichtiger sind für Moskau schnelle Reaktionszeiten.

Genau darauf wird Kiew in den nächsten Wochen setzen und immer wieder Nadelstiche an einzelnen Frontabschnitten setzen; sei es im Norden zwischen den Gebieten Charkiw und Luhansk, zentral in Donezk oder an der Südfront zwischen Saporischschja und Cherson. Reagiert die russische Seite darauf nicht, werden die Ukrainer vormarschieren und Gelände zurückerobern. Ziehen die Russen Verstärkung zusammen, suchen ihre Gegner in Kiew den nächsten Angriffspunkt. Ziel ist es, die russischen Truppen so zu ermüden, dass sie den entscheidenden Durchbruch dann verpassen.

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